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Sammlung des Tiroler Volkskunstmuseums

Arbeit und Handwerk, Frömmigkeit und Magie, Haushalt und Wohnkultur

Schwerpunkte und Geschichte

1888 wurde die Sammlung des Tiroler Volkskunstmuseums begonnen. Entstanden ist eine der größten und bedeutendsten Sammlungen von Kulturgut in der Europaregion Tirol-Südtirol-Trentino.

 

Mustergültige Erzeugnisse

Die kulturpessimistische Stimmung des ausgehenden 19. Jahrhunderts, eine antisozialistische Sichtweise auf Industrialisierung und Mechanisierung sowie eine konservative Sorge um die Qualität des Handwerks führte 1888 in Innsbruck zur Gründung des „Tiroler Gewerbemuseums“: Anlässlich des 40-jährigen Regierungsjubiläums von Kaiser Franz Josef plante der Gewerbeverein damit eine „Vorführung mustergültiger gewerblicher Erzeugnisse kirchlicher und profaner Richtung aus alter und neuer Zeit“. Anton Kofler (1855-1943), der u.a. auch Sekretär der Handelskammer und Gründer des Landesverbands für Fremdenverkehr war, ließ als Vorsitzender des Gewerbevereins zeitgenössische (kunst-)handwerklich erstklassige und „materialgerecht“ gefertigte Gegenstände erwerben.

 

Alttirolisches Kunstgewerbe

Da die ehemalige Grafschaft Tirol (Nord-, Süd- und Osttirol sowie Trentino) bereits im 19. Jahrhundert im Fokus des Antiquitätenhandels stand, erweiterte man das Sammlungsziel: Vormoderne, vorindustrielle Gegenstände des „alttirolischen Kunstgewerbes“ und des Handwerks, des Hausgewerbes und der Hausindustrie, sowie bäuerliche Arbeitsgeräte – sofern sie reich verziert waren – wurden nun ebenfalls erworben. Bis heute bilden das historische Tirol – die heutige Europaregion Tirol-Südtirol-Trentino – den regionalen Schwerpunkt. Auch nachdem die Sammlung in das Eigentum der Handelskammer (heute: Wirtschaftskammer) überging, wurde sie sukzessive erweitert. Krippen, Stuben und Trachten sowie Handwerk, Hausgewerbe und religiöse Kunst wurden zu Kernbereichen. Dem Altphilologen Karl Radinger (1869-1921) oblag es, die Objekte erstmals zu inventarisiert.

 

Museums-Politik

1926 übernahm das Land Tirol das „Museum für Volkskunst und Gewerbe“, wodurch es zum ersten (und bis heute einzigen) Museum wurde, welches sich in Landesbesitz befindet. Gerade deshalb wurde das Jahr der erstmaligen Eröffnung bewusst gewählt: 1929 – und damit zehn Jahre nach der Teilung Tirols nach dem I. Weltkrieg – wurde das „Tiroler Volkskunstmuseum“ – wie es seither heißt – auf Grundlage eines Konzepts des Kunsthistorikers Josef Ringler (1893-1973) im ehemaligen Franziskanerkloster in der Innsbrucker Universitätsstraße eröffnet. Es sollte, so die damalige Eigenwerbung, das „Größte Heimatmuseum der deutschen Alpenländer“ sein. Gezeigt wurden die Prunkstücke der Sammlung: Religiöse Kunst, Objekte des zünftischen Handwerks, historischer Hausrat und Möbel, Trachten, Objekte zu Brauch und Fest sowie jene 14 Stuben von der Gotik bis zum Rokoko, die bis heute zu bewundern sind. Während der nationalsozialistischen Diktatur leitete Gertrud Pesendorfer (1895-1982) das Museum und etablierte hier die „Mittelstelle Deutsche Tracht“ als Zweigstelle der NS-Frauenschaft, Ihre Tätigkeit wurde im  Zuge des Projekts „Trachtenpraxis“ (umgesetzt zwischen 2014-2019) wissenschaftlich untersucht.

 

Ort der Tiroler Identität

Nach der Wiedereröffnung 1948 definierte sich das Museum als „Schatzkammer des Tiroler Volkes“ und sollte zu einem Ort Tiroler Identität – nördlich und südlich des Brenners – werden. Der Historiker Franz Colleselli (1922-1979), der 1959 die Leitung des Museums übernahm, war ein ausgesprochener Möbelspezialist und baute außerdem die Sammlung von Krippen sowie religiösen Objekten weiter aus. Sammlung und Museum sollten seiner Meinung nach die „Beziehung der Volkskunst zum Leben und Wirken vor allem der bäuerlichen Menschen in Tirol“ zeigen. Unter den Volkskundlern Hans Gschnitzer, Direktor von 1980-2004, und Herlinde Menardi wurde die Sammlung um landwirtschaftliche Geräte, einfacher gearbeitete Möbelstücke, Chromolithographien, Hinterglasbilder und andere Objekte, die kunsthistorisch geringer geschätzt wurden, erweitert. In dieser Zeit wurde die Idee geboren, durch Neuerwerbungen Weiterentwicklungen und Veränderungsprozesse zu dokumentieren.

 

Neue Fragen

Die gegenwärtige Erweiterung sowie der Umgang mit der Sammlung orientieren sich an einem Verständnis für „Volkskunst“, welches das Verhältnis des Menschen zu seinen Dingen in den Mittelpunkt rückt und solchermaßen die sozialen Dimensionen von Kultur betont. Die Bezeichnung „Volkskunst“ wird als eine Bewertung des Vergangenen aus der der Sicht der Gegenwart heraus begriffen: Das moderne Leben ist – wenn auch nicht immer sichtbar – durch Erfahrungen vergangener Zeiten geprägt. In der Kultur ist Vergangenheit längerfristig präsent. Im Spannungsfeld zwischen Dauer und Veränderung gelegen, zeugt „Volkskunst“ – als materielle Manifestation des kollektiven Gedächtnisses – von den mannigfaltigen Bedeutungen und somit vom Nachleben historischer Kultur in der Gegenwart. Wir interessieren uns deshalb für Prozesse des Wandels, des Kulturkontakts und Kulturkonflikts, aber auch der Dauer, der tradierten Ordnung (und Ordnungssysteme) sowie der Kommunikation und des symbolischen Nutzens. An die alten Objekte werden deshalb neue Fragen gerichtet, die Sammlung um neue Themenbereiche erweitert. Dazu zählt u.a. die Themenfelder Design im 20./21. Jahrhundert, Migration, oder Objekte, die im Zusammenhang mit der pluralistischen Gesellschaft der Gegenwart stehen.